AKW Mülheim-Kärlich

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==Pressebericht==
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<h3>Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich: Rentner legte Reaktor lahm</h3>
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<i>Rheinland-Pfalz – </i>Es lieferte nur 13 Monate Strom: Vor 20 Jahren ging das Atomkraftwerk in Mülheim-Kärlich vom Netz. Der Energiekonzern RWE und die damals in Mainz regierende CDU dachten am 9. September 1988 an eine kurze Episode des Stillstands.
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Doch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wurde am Rhein zum Einstieg in den Atomausstieg. Der Kühlturm thront zwar noch unversehrt an seinem Platz. Doch im Reaktor läuft der Abriss.
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Im Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich haben Belegschaften erlebt, wie Atom-Euphorie in der Gesellschaft in größte Ängste umgeschlagen ist. Die Ironie dabei: Letztlich hat ein simpler Fehler im Baurecht den Koloss zu Fall gebracht, der nur 13 Monate Strom lieferte. Zeitzeugen erinnern sich an Stationen vor und nach der Abschaltung vor 20 Jahren.
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Als der Energiekonzern RWE im Dezember 1972 den Bau beantragt, steht der damalige Ministerpräsident Helmut Kohl mächtig unter Strom: Er kann, wie auch die SPD kritisiert, trotz drohender Ölkrise noch kein Atomkraftwerk vorweisen. So erinnert sich der frühere Neuwieder Oberbürgermeister Manfred Scherrer (SPD). Er gehört schon damals zu den Kritikern des Vorhabens auf der anderen Rheinseite und wird in der SPD-Landtagsfraktion noch als "Spinner" abgetan. Atomenergie gilt damals noch als Energie der Zukunft und ist absolut mehrheitsfähig.
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Aber ist es auch der Standort auf dem erloschenen Vulkan? 1971 weist ein erstes Gutachten auf die Erdbebengefährdung hin, erinnert sich der über Jahrzehnte prozessierende Kläger Joachim Scheer aus Lahnstein. "Aber das Gutachten wird in Mainz unter Verschluss gehalten."
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====Koloss an der Kante====
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Als die Kohl-Regierung am 9. Januar 1975 die 1. Teilerrichtungsgenehmigung (1. TG alt) erteilt, sich Mülheim-Kärlich auf Arbeitsplätze, Steuer- und Kaufkraftgewinn freut, hat sich RWE intern längst von ursprünglichen Plänen verabschiedet: Der Untergrund an der geologischen Kante ist so unsicher, dass der Reaktor bereits durch bloße "Setzungen" in der Erde in Schieflage geraten kann, warnen Experten. Landesregierung und Bauherr entschließen sich, den geplanten Betonklotz - stillschweigend und baurechtlich letztlich nicht abgesichert - um 70 Meter zu verschieben: Der Reaktor soll auf einer festen Scholle thronen - 14 Meter vom Maschinenhaus getrennt. Nur: Die Sicherheit der Konstruktion wird nicht erneut überprüft. Dies ist für die Kläger der Dreh- und Angelpunkt: Sie wollen eine 3,5 Milliarden Euro teure Investition als "Schwarzbau" verhindern.
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Der Rückhalt der Gegner wächst erst , als im amerikanischen Harrisburg 1979 ein Reaktorkern schmilzt und das Atomkraftwerk Three Mile Island nur knapp der Katastrophe entgeht. Da der Bautyp dem von Mülheim-Kärlich stark ähnelt, überprüfen die Behörden das Konzept. Folge: Der Meiler, in dem sich Beschäftigte als "Art Avantgarde dieser Technik" fühlen, geht erst 1986 in den Probebetrieb. Er muss wegen fehlender Kühlturm-Genehmigung wieder abgeschaltet werden. Am 18. August 1987 darf er wieder ans Netz. Aber Prozesse, Pannen, und vor allem die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 haben das Bewusstsein im dicht besiedelten Neuwieder Becken längst verändert: Mit Tschernobyl taucht die bange Frage auf, ob die radioaktive Wolke aus der Ukraine Obst und Spielplätze vor der Haustür verseucht hat.
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Auch AKW-Befürworter geraten ins Grübeln. Der zäh durch die Instanzen marschierende Lahnsteiner Rentner Walter Thal gilt nicht mehr als Spinner, als ihm die Sensation gelingt: Der 79-Jährige, der - zeitweise wegen Prozesskosten gepfändet - mit 550 Euro im Monat auskommen muss, zwingt den steinreichen Energieriesen in die Knie. Am 9. September 1988 hebt das Bundesverwaltungsgericht die erste Teilgenehmigung von 1975 als rechtswidrig auf. Sofort kommt die Anweisung, den Reaktor abzufahren, erinnert sich der damalige Blockleiter Gert Lang. Dass die Anlage damit endgültig vom Netz geht, denkt noch niemand. RWE und der damalige Mainzer Umweltminister Hans-Otto Wilhelm (CDU) gehen von schnell zu korrigierenden Verfahrensmängeln aus.
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Dass die Rechtslage viel kniffliger ist, stellt Wilhelms Nachfolger Alfred Beth (CDU) fest, der im Juli 1990 die 1. Teilgenehmigung neu erteilt, aber einen Sofortvollzug ablehnt, zumal Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ihm "nicht bescheinigt, dass die Energieversorgung ohne Strom aus Mülheim-Kärlich gefährdet ist".
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Der SPD-Oppositionsführer Rudolf Scharping ist mit der künftigen Umweltministerin Klaudia Martini überzeugt: Auch die neue Genehmigung wackelt an der Erdbebenspalte. Gegen sie klagen zehn Gebietskörperschaften und fünf Privatkläger. In der Tat: Kurz nach Scharpings Wahlerfolg und dem Mainzer Machtwechsel im Mai 1991 hebt das Oberverwaltungsgericht die 1. TG neu auf.
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====Schock für die Mitarbeiter====
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Der abgeschaltete Meiler gibt weiterhin etwa 700 Menschen Lohn und Brot: Akademiker, Angestellte und Arbeiter klammern sich an Visionen, irgendwann doch wieder Strom für 1,3 Millionen Menschen produzieren zu dürfen. Vor einem SPD-Parteitag tauchen Beschäftigte mit Spruchbändern wie "Draußen stehen auch Genossen, aber verdrossen" auf. Ihr Schock: Auch die 1. TG neu scheitert im Januar 1998 vor dem Bundesverwaltungsgericht.
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Martini ist zum schizophren anmutenden Spagat gezwungen: Politisch will sie den 1300-Megawatt-Koloss einmotten, zumal das Anfahren des Altmeilers auch bei einigen Experten als nukleares Experiment gilt und die Endlagerfrage ungeklärt ist. Gleichzeitig muss sie vor Gerichten die Genehmigung verteidigen, um dem Land milliardenschweren Schadenersatz zu ersparen. Mit den Verhandlungen um den Atomausstieg sieht sie 1999 die Chance, "einen gordischen Knoten zu zerschlagen". Aber: Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) will Mülheim-Kärlich ausklammern, weil der Meiler vom Netz ist. Doch Martini will dafür eine rechtlich einwandfreie Grundlage.
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Mit Ministerpräsident Kurt Beck gelingt es ihr dann doch, "die klügste Lösung" für das Land durchzusetzen, die auch RWE Vorteile bietet: Virtuelle Strommengen von Mülheim-Kärlich werden beim Atomkonsens von Bundesregierung und Industrie im Juni 2000 auf die Laufzeiten anderer Reaktoren angerechnet: RWE beantragt den Abriss in Mülheim-Kärlich. Im August 2001 beginnt der Abtransport der 209 bestrahlten Brennelemente zur Wiederaufbereitung ins französische La Hague. Im September 2003 ist auch die Schadenersatzklage (Streitwert: 1,2 Milliarden Euro) gegen das Land endgültig vom Tisch. RWE übernimmt am Ende auch Anwalts- und bezahlte Gerichtskosten (39,5 Millionen Euro) des Landes.
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Im Rückblick meint Anwalt Klöckner zur 88er-Sensation schmunzelnd: "Es war einfaches Verwaltungsrecht. Ich kann auch nicht in einem Stadtteil eine Genehmigung haben und im anderen Stadtteil bauen."
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RZO, 5. 9. 2008
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Es lieferte nur 13 Monate Strom: Vor 20 Jahren ging das Atomkraftwerk in Mülheim-Kärlich vom Netz. Der Energiekonzern RWE und die damals in Mainz regierende CDU dachten am 9.
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              musste RWE das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich abs"><br>
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            Vor 20 Jahren musste RWE das Atom­kraft­werk Mülheim-Kärlich
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            abschal­ten. Am 9. Sep­tem­ber 1988 ahnte noch niemand, dass
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            es nie wieder Strom pro­duzie­ren würde. Fotos: Thomas Frey</a></p>
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      <p class="autor&gt;Von unserer Politikreporterin Ursula
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        Samary&lt;/p&gt;&lt;/p&gt;
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        dann doch, "die klügste Lösung" für das Land durchzusetzen, die
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        übernimmt am Ende auch Anwalts- und bezahlte Gerichtskosten
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        Genehmigung haben und im anderen Stadtteil bauen."</p>
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Aktuelle Version vom 15. März 2011, 13:08 Uhr

Das AKW Mülheim-Kärlich am Rhein, stromab von Koblenz, wurde zwischen Rhein und Eisenbahn als Schwarzbau ohne Baugenehmigung über einer Erdbebenspalte und einem Vulkantrichter errichtet.


Nach 13 Monaten Betrieb hat das Bundesverwaltungsgericht dem Kläger Walter Thal aus Lahnstein recht und Recht gegeben und hat den Meiler fristlos abschalten lassen.

Bei der anschließenden Manöverkritik der Betreiber und Genehmigungsbehörden stellte sich heraus, daß es nicht möglich war, noch nachträglich irgendwie zu einer gültigen Baugenehmigung zu gelangen.

Dieser Atommeiler hat 7 Milliarden DM gekostet, so daß durch ihn an jedem Tag eine Million Mark Kosten entstehen, die von der Gesamtheit der Stromkunden und Steuerzahler getragen werden müssen.



Inhaltsverzeichnis

Pressebericht

Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich: Rentner legte Reaktor lahm

Rheinland-Pfalz – Es lieferte nur 13 Monate Strom: Vor 20 Jahren ging das Atomkraftwerk in Mülheim-Kärlich vom Netz. Der Energiekonzern RWE und die damals in Mainz regierende CDU dachten am 9. September 1988 an eine kurze Episode des Stillstands.

Doch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wurde am Rhein zum Einstieg in den Atomausstieg. Der Kühlturm thront zwar noch unversehrt an seinem Platz. Doch im Reaktor läuft der Abriss.

Im Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich haben Belegschaften erlebt, wie Atom-Euphorie in der Gesellschaft in größte Ängste umgeschlagen ist. Die Ironie dabei: Letztlich hat ein simpler Fehler im Baurecht den Koloss zu Fall gebracht, der nur 13 Monate Strom lieferte. Zeitzeugen erinnern sich an Stationen vor und nach der Abschaltung vor 20 Jahren.

Als der Energiekonzern RWE im Dezember 1972 den Bau beantragt, steht der damalige Ministerpräsident Helmut Kohl mächtig unter Strom: Er kann, wie auch die SPD kritisiert, trotz drohender Ölkrise noch kein Atomkraftwerk vorweisen. So erinnert sich der frühere Neuwieder Oberbürgermeister Manfred Scherrer (SPD). Er gehört schon damals zu den Kritikern des Vorhabens auf der anderen Rheinseite und wird in der SPD-Landtagsfraktion noch als "Spinner" abgetan. Atomenergie gilt damals noch als Energie der Zukunft und ist absolut mehrheitsfähig.

Aber ist es auch der Standort auf dem erloschenen Vulkan? 1971 weist ein erstes Gutachten auf die Erdbebengefährdung hin, erinnert sich der über Jahrzehnte prozessierende Kläger Joachim Scheer aus Lahnstein. "Aber das Gutachten wird in Mainz unter Verschluss gehalten."

Koloss an der Kante

Als die Kohl-Regierung am 9. Januar 1975 die 1. Teilerrichtungsgenehmigung (1. TG alt) erteilt, sich Mülheim-Kärlich auf Arbeitsplätze, Steuer- und Kaufkraftgewinn freut, hat sich RWE intern längst von ursprünglichen Plänen verabschiedet: Der Untergrund an der geologischen Kante ist so unsicher, dass der Reaktor bereits durch bloße "Setzungen" in der Erde in Schieflage geraten kann, warnen Experten. Landesregierung und Bauherr entschließen sich, den geplanten Betonklotz - stillschweigend und baurechtlich letztlich nicht abgesichert - um 70 Meter zu verschieben: Der Reaktor soll auf einer festen Scholle thronen - 14 Meter vom Maschinenhaus getrennt. Nur: Die Sicherheit der Konstruktion wird nicht erneut überprüft. Dies ist für die Kläger der Dreh- und Angelpunkt: Sie wollen eine 3,5 Milliarden Euro teure Investition als "Schwarzbau" verhindern.

Der Rückhalt der Gegner wächst erst , als im amerikanischen Harrisburg 1979 ein Reaktorkern schmilzt und das Atomkraftwerk Three Mile Island nur knapp der Katastrophe entgeht. Da der Bautyp dem von Mülheim-Kärlich stark ähnelt, überprüfen die Behörden das Konzept. Folge: Der Meiler, in dem sich Beschäftigte als "Art Avantgarde dieser Technik" fühlen, geht erst 1986 in den Probebetrieb. Er muss wegen fehlender Kühlturm-Genehmigung wieder abgeschaltet werden. Am 18. August 1987 darf er wieder ans Netz. Aber Prozesse, Pannen, und vor allem die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 haben das Bewusstsein im dicht besiedelten Neuwieder Becken längst verändert: Mit Tschernobyl taucht die bange Frage auf, ob die radioaktive Wolke aus der Ukraine Obst und Spielplätze vor der Haustür verseucht hat.

Auch AKW-Befürworter geraten ins Grübeln. Der zäh durch die Instanzen marschierende Lahnsteiner Rentner Walter Thal gilt nicht mehr als Spinner, als ihm die Sensation gelingt: Der 79-Jährige, der - zeitweise wegen Prozesskosten gepfändet - mit 550 Euro im Monat auskommen muss, zwingt den steinreichen Energieriesen in die Knie. Am 9. September 1988 hebt das Bundesverwaltungsgericht die erste Teilgenehmigung von 1975 als rechtswidrig auf. Sofort kommt die Anweisung, den Reaktor abzufahren, erinnert sich der damalige Blockleiter Gert Lang. Dass die Anlage damit endgültig vom Netz geht, denkt noch niemand. RWE und der damalige Mainzer Umweltminister Hans-Otto Wilhelm (CDU) gehen von schnell zu korrigierenden Verfahrensmängeln aus.

Dass die Rechtslage viel kniffliger ist, stellt Wilhelms Nachfolger Alfred Beth (CDU) fest, der im Juli 1990 die 1. Teilgenehmigung neu erteilt, aber einen Sofortvollzug ablehnt, zumal Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) ihm "nicht bescheinigt, dass die Energieversorgung ohne Strom aus Mülheim-Kärlich gefährdet ist".

Der SPD-Oppositionsführer Rudolf Scharping ist mit der künftigen Umweltministerin Klaudia Martini überzeugt: Auch die neue Genehmigung wackelt an der Erdbebenspalte. Gegen sie klagen zehn Gebietskörperschaften und fünf Privatkläger. In der Tat: Kurz nach Scharpings Wahlerfolg und dem Mainzer Machtwechsel im Mai 1991 hebt das Oberverwaltungsgericht die 1. TG neu auf.

Schock für die Mitarbeiter

Der abgeschaltete Meiler gibt weiterhin etwa 700 Menschen Lohn und Brot: Akademiker, Angestellte und Arbeiter klammern sich an Visionen, irgendwann doch wieder Strom für 1,3 Millionen Menschen produzieren zu dürfen. Vor einem SPD-Parteitag tauchen Beschäftigte mit Spruchbändern wie "Draußen stehen auch Genossen, aber verdrossen" auf. Ihr Schock: Auch die 1. TG neu scheitert im Januar 1998 vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Martini ist zum schizophren anmutenden Spagat gezwungen: Politisch will sie den 1300-Megawatt-Koloss einmotten, zumal das Anfahren des Altmeilers auch bei einigen Experten als nukleares Experiment gilt und die Endlagerfrage ungeklärt ist. Gleichzeitig muss sie vor Gerichten die Genehmigung verteidigen, um dem Land milliardenschweren Schadenersatz zu ersparen. Mit den Verhandlungen um den Atomausstieg sieht sie 1999 die Chance, "einen gordischen Knoten zu zerschlagen". Aber: Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) will Mülheim-Kärlich ausklammern, weil der Meiler vom Netz ist. Doch Martini will dafür eine rechtlich einwandfreie Grundlage.

Mit Ministerpräsident Kurt Beck gelingt es ihr dann doch, "die klügste Lösung" für das Land durchzusetzen, die auch RWE Vorteile bietet: Virtuelle Strommengen von Mülheim-Kärlich werden beim Atomkonsens von Bundesregierung und Industrie im Juni 2000 auf die Laufzeiten anderer Reaktoren angerechnet: RWE beantragt den Abriss in Mülheim-Kärlich. Im August 2001 beginnt der Abtransport der 209 bestrahlten Brennelemente zur Wiederaufbereitung ins französische La Hague. Im September 2003 ist auch die Schadenersatzklage (Streitwert: 1,2 Milliarden Euro) gegen das Land endgültig vom Tisch. RWE übernimmt am Ende auch Anwalts- und bezahlte Gerichtskosten (39,5 Millionen Euro) des Landes.

Im Rückblick meint Anwalt Klöckner zur 88er-Sensation schmunzelnd: "Es war einfaches Verwaltungsrecht. Ich kann auch nicht in einem Stadtteil eine Genehmigung haben und im anderen Stadtteil bauen."

RZO, 5. 9. 2008

Persönliche Werkzeuge